Threaded Protocols ist weder eine textile Innovation im kommerziellen Sinne noch ein digitales Werkzeug, das als Handwerk getarnt ist. Was die Arbeit auszeichnet, ist ihre materielle Untersuchung darüber, wie computergestützte Logik in der Textilpraxis ihren Ursprung findet und was verloren geht, wenn diese Logiken in undurchsichtige technologische Systeme abstrahiert werden.
Das von der Künstlerin und Forscherin Floor Berkhout entwickelte Projekt Threaded Protocols erforscht die strukturelle Beziehung zwischen Weben und Informatik. Beide beruhen auf binären Entscheidungen, Musterausführung und logischer Sequenzierung. Historisch gesehen war der Webstuhl der erste Computer. Threaded Protocols kehrt zu diesem Ursprung zurück und nutzt die Textilherstellung, um die physische, gestische Natur der Informatik offenzulegen, die zeitgenössische digitale Infrastrukturen weitgehend verborgen haben.
Berkhouts Praxis fungiert als kritische technische Praxis, die mit handwerklichen Methoden arbeitet, um zu verstehen, wie Protokolle materiell funktionieren. In Threaded Protocols wird jede Fadenkreuzung zu einer binären Operation: davor oder dahinter, Null oder Eins. Bedeutung entsteht langsam, durch Wiederholung und Aufmerksamkeit, statt durch Geschwindigkeit oder Optimierung. Diese Langsamkeit ist gewollt. Sie lehnt sich an Prinzipien des „Perma-Computing“ an, welche die Unvermeidbarkeit von schnellem, extraktivem technologischem Fortschritt und dessen Einfluss auf digitale Systeme sowie die Textilindustrie hinterfragen.
Das Projekt rückt zudem die geschlechtsspezifische Geschichte sowohl der Textilarbeit als auch der Informatik in den Vordergrund – von den Websälen des 19. Jahrhunderts bis hin zu den Frauen, die Mitte des 20. Jahrhunderts als „Computer“ arbeiteten. Durch die Rückbettung der Informatik in die Hände versucht Threaded Protocols, die Handlungsfähigkeit (Agency) zurückzugewinnen, die durch Industrialisierung und Black-Box-Technologien entzogen wurde.








Threaded Protocols wird als prozessorientierte Forschung und interaktive Installation präsentiert, nicht als skalierbares Produkt oder materielle Lösung. Seine Relevanz liegt darin, wie es Technologie als etwas neu rahmt, das gemacht, berührt und durch menschliche Entscheidungen geformt wird, anstatt als ein abstraktes, neutrales System.
Für Designer, Technologen und Forscher bietet Threaded Protocols eine Erinnerung daran, dass Systeme, die präzise und objektiv erscheinen, immer politisch, immer konstruiert und immer auf materielle Entscheidungen zurückzuführen sind. In einer von Effizienz dominierten Landschaft beharrt Berkhouts Arbeit auf einem anderen Wert: dem Recht, Bedeutung langsam aufzubauen.
Der genaue Betrachter findet einen Bonus: Ihre Arbeit berührt auch Themen wie Emanzipation, Geschlechtergerechtigkeit und historische Manipulation…
Jeder Beitrag, den Sie für hilfreich halten, um einen eigenen Artikel über Ihr Projekt zu erstellen.
https://materialprotocols.site/presskit/
https://materialprotocols.site/research&¬es/
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